Wenn dein Herz unter Druck gerät

3. Juni 2020 | Rahel |

Rahel

Von Rahel.

Wie geht es deinem Herzen in dieser besonderen Zeit?
Vor diese Frage hat mich Gott gestellt.

In meinem Herzen kam in diesen Tagen eine große Unruhe ans Licht. Mir fehlt der Rückzugsraum, einfach mal alleine sein, in Ruhe Zeit für mich und Gott zu haben. Meine Kinder unterbrechen mich immer wieder. Ich koche, arbeite oder  höre einen Podcast. Und genau dann  brauchen meine Kinder noch dieses und jenes oder haben eine Frage, deren Antwort sie eigentlich schon kennen. Und mein Mann verdrückt sich hinter seinem Schreibtisch, „blockiert“ ein Zimmer für sein Home Office und ist für jeden ansprechbar außer für seine Familie.
Hilflosigkeit und Ärger stellen sich ein, Kontrollverlust über meine Zeit und mein Leben. Diese Gefühle sind da und sie sind ok. Zeigen sie doch nur, dass meine Bedürfnisse nicht erfüllt sind.

Druck und Krisen bringen das in uns hervor, was bereits in uns ist

Es ist nichts Neues. Auch wenn es vielleicht lange verborgen oder nur erahnbar war, tritt es nun mit voller Kraft ans Licht.
Lass mich das Ganze mit einer Senftube vergleichen. Unter Druck kommt heraus, was drin ist: Senf. Je nach Druck tritt mehr oder weniger davon ans Tageslicht. So ist es auch bei uns. Wenn das Leben ganz ok läuft, der Druck gering ist und alles „normal und im Griff“, fühle ich mich frei und sicher. Das Leben ist ja irgendwie unter Kontrolle.

Doch je stärker der Druck von außen oder innen wird, umso deutlicher treten Anteile und Lebensbereiche zutage, die noch Veränderung und Heilung bedürfen. Es sind nicht (nur) die Umstände, die dir zusetzen, sondern vor allem das, was bereits lange in dir war und nun ans Licht kommt. Ich tendierte lange dazu widrige Umstände als die Schuldigen anzusehen, dass es mir nicht gut geht: Ja, wenn diese Krankheit, dieser Lärm, dieser Chef oder der Trotz meiner Tochter nicht wären, dann wäre doch alles in Ordnung. Oder?  Übertragen auf heute: Wenn Corona, die Schulschließungen, die Unsicherheit, die Enge, die Unfreiheit nicht wären..?

Was fühlt dein Herz in dieser Zeit?

Angst, Panik, Aggression, Ärger, Wut, Zorn, Hilflosigkeit, Scham, Druck, Schmerz, Überforderung, Unruhe, vielleicht auch Benommenheit?

Die ganze Palette an Gefühlen ist ok. Deine Gefühle sind berechtigt. Deine Gefühle sind ok. Du darfst sie zulassen, spüren, denn sie sind das Barometer deiner Seele. Sie sind weder gut noch schlecht. Sie zeigen dir einfach, was gerade in dir vorgeht und wie gut das, was du brauchst und dir wünscht, erfüllt ist. Alle Gefühle dürfen sein und ich lade dich ein, sie mit einem „Ja“ wahr- und anzunehmen.

Und jetzt kommt der Senf

Der Senf steht für meine Reaktionen auf unangenehme Gefühle.
Jeder von uns lernte in der Kindheit durch eigene Erfahrungen, Überlebensstrategien für den Umgang mit diesen Gefühlen. Ein Autopilot hat sich entwickelt, der automatisch aktiviert wird, sobald sich eines dieser Gefühle einstellt. Wir sind uns dessen meist gar nicht bewusst. Wir suchen Erleichterung für den Druck und die Anspannung in uns. Verzweifelt suchen wir Trost für den Schmerz in unserem Herzen. Unsere Ausweichstrategien unterscheiden sich. Das Ergebnis aber ist dasselbe – der Schmerz ist (nur) kurzfristig betäubt.

Wie sieht das bei mir aus?

Ich habe verschiedene eingefleischte Strategien mit Anspannung und anderen unangenehmen Gefühlen umzugehen. Eine Lieblingsstrategie war „etwas tun“ (möglichst viel und möglichst schnell). Je höher der Druck wird, umso leichter und hektischer verfiel ich ihr und war nicht mehr in der Lage, gut für mich zu sorgen. Ein typisches Bild: Der Podcast läuft, mit halbem Ohr höre ich meinen Kindern zu, parallel koche ich, hole Post oder fange an zu telefonieren. Meine Strategie „etwas zu tun“ sieht auch nach außen ganz gut aus, weil die Ergebnisse ziemlich beeindruckend sein können. Innerlich bin ich aber erschöpft und mir fehlt immer mehr Kraft.
Etwas zu tun, gaukelt mir Kontrolle und Bedeutung vor. Ich scheine etwas zu bewegen. Ich fühle mich nicht mehr so hilflos und ohnmächtig. Aber objektiv habe ich keine Kontrolle, weder über diese Situation oder Krise, noch über meine Kinder, die aktuellen Regeln oder die Menschen um mich herum. „Etwas tun“ fühlt sich zwar erstmal besser an, ist aber ein falscher Trost und löst das eigentliche Problem nicht.

Wie gehst du mit Druck um?

Wo sucht dein Herz Erleichterung?
Wir alle wenden uns falschen Tröstern zu und suchen Hilfe, z.B. bei Schokolade, Alkohol, Einkaufen, Arbeit, Selbsthass, Selbstzerstörung, Aggression gegen mich oder andere, anderen helfen, Sexualität, Bücher, Spiele, Filme, Passivität, …

Diese Tröster halten nicht, was sie uns versprechen, wenn wir uns schlecht fühlen.
Unsere Strategie entpuppt sich als Flucht und Pseudokontrolle. Es fühlt sich zwar kurz besser an, aber am Ende hinterlässt es einen schalen Geschmack und oftmals auch Scham, Anklage, Vorwürfe, zerbrochene Beziehungen, Verletzungen bei uns und anderen und gähnende Leere.

Was nun?

Darfst du ab sofort keine Schokolade mehr kaufen?
Doch 🙂

Grundsätzlich ist es nicht schlecht, Schokolade zu essen, einzukaufen oder einen Film zu schauen. Auch mein Ansatz „etwas zu tun“ ist an für sich nicht schlecht. Mein „etwas tun“ ist sogar eine große Stärke von mir, nur hier an dieser Stelle ist sie hinderlich:
Denn ich folge dann der Lüge, dass mir Schokolade, Netflix oder mein „etwas tun“ Trost geben, Erleichterung verschaffen und alles zum Guten wenden.
Aber Schokolade und Co. sind nicht dazu geschaffen, die Leere unseres Herzens zu füllen. Sie helfen uns nicht über unsere Minderwertigkeit hinweg. Das können sie nicht und das sollen sie auch nicht. Dein Herz ist für viel Größeres geschaffen. Für einen Gott, der es mit seiner Liebe, mit Wert und Sicherheit füllen möchte. Ist es nicht schade, dass wir uns mit so „billigen“ und ungeeigneten Tröstern zufrieden geben, wo es doch so viel mehr für uns gäbe? Echte Fülle und echten Trost! 

Wie komme ich nun da raus?

Es ist wohltuend und heilsam, damit nicht alleine zu bleiben. Such dir Hilfe. Es ist erstmal beschämend und fühlt sich vermutlich demütigend an. Der Schritt kostet viel Mut und Überwindung. Aber du bist wichtig und du bist es wert.

Versuch nicht aus eigener Kraft da rauszukommen und versuch es nicht allein. Wir sind nicht dafür geschaffen, uns an unseren eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Wir sind nicht darauf angelegt, uns selbst zu retten.

coffee with a friend

Im ersten Schritt ermutige ich dich, den offenen Austausch mit einer Freundin zu suchen, bei der du ehrlich sein kannst und mit der du beten kannst. Echte Freunde können dich an deine Identität als Tochter Gottes erinnern. Und alles, was du ans Licht bringst, verliert gleich einen Teil seiner Macht.

Oft sind unsere Autopiloten so eingefleischt, dass wir auch mit Hilfe von Freunden nicht frei werden. Wenn du merkst, dass du nicht frei wirst, lade ich dich ein, einen weiteren Schritt hin zu Freiheit und Heilung zu gehen:

Ich empfehle dir eine(n) christlichen Berater(in) zu suchen, der mit dir gemeinsam zu den Wurzeln geht, damit dein Herz, dein Denken, Fühlen und Wollen heil werden können.
Wir unterstützen dich gerne dabei, jemanden zu finden, der zu dir passt und in deiner Nähe ist oder dich telefonisch oder per Videochat berät.

Denn du kannst dein Verhalten nicht dauerhaft aus eigener Kraft ändern. Du kannst dich oftmals erst dann anders verhalten, wenn der darunter liegende Schmerz geheilt ist und die Wurzel behandelt wurde.
Du schaffst es vielleicht mal kurzfristig anders zu reagieren, aber dauerhafte Erneuerung und Befreiung von deinen Tröstern braucht mehr als eine Verhaltensänderung – es braucht eine Herzenserneuerung. Die Strategien, die dich in deine Lage gebracht haben sind nicht geeignet, dich wieder herauszuführen. Es braucht etwas neues, anderes.

Diesen Weg bin ich auch gegangen und habe mir Hilfe in einer christlichen Beratung gesucht. Auf ganz unerwartete Art und Weise ist Gott mir dort begegnet, hat mich befreit und mein Herz ganz tief und nachhaltig berührt.

Heilung für dein Herz ist möglich. Der Weg ist nicht einfach, es geht meist nicht schnell und es ist nicht billig. Es kostet dich viel: Mut, Überwindung, Demut und wahrscheinlich auch Geld.
Aber du bist es wert. Denn Gott hat mehr für dich und möchte dich und dein Herz heilen. Dafür ist er auf diese Erde gekommen. Diese Mission ist noch nicht abgeschlossen. Er möchte dich freisetzen und heilen. Du bist unendlich kostbar. Er wird sanft vorgehen und dich Schritt für Schritt führen. Es wird nicht ohne Schmerzen sein, aber du bist jeden Einsatz wert.

Was kannst du in der Zwischenzeit tun?

Lade Jesus in dein Herz, in deine Gefühle ein und bitte ihn um Hilfe, wenn du spürst, dass dein Herz leidet und sich falschen Tröstern zuwenden möchte.

Du kannst z.B. so beten:

Jesus, ich lade dich ein in meinen Schmerz, in die Überforderung,  in…
Du weißt, ich habe mich bisher an … gewandt, um Erleichterung und Trost zu spüren. Ich weiß, dass mir … nicht helfen kann, das Loch in meinem Herzen zu füllen.

Bitte verzeih, dass ich mich … zugewandt habe, anstatt bei dir Hilfe und Trost zu suchen. Ich möchte das nicht mehr und bitte dich um Hilfe. Bitte heile mein Herz und lenke meine Schritte hin zu Heilung und Freiheit.

Ich werde dir folgen. Bitte hilf mir dabei. Ich gebe dir meine Angst und Unsicherheit, alle Scham und Trauer. Bitte berühre mich mit deiner Liebe an diesen wunden Punkten. Ich bin bereit, an die Wurzeln zu gehen und lade dich ein, mein Leben zu erneuern. Bitte zeig mir deine Liebe für mich.

Amen.

Zum Weiterlesen:

Christel benutzt in diesem Artikel anstelle der Senftube eine Schmutzfangmatte für denselben Vergleich:

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6 Kommentare

  1. Sarah Dengler

    Liebe Rahel,
    was für ein packender Beitrag!
    Es bringt so deutlich auf den Punkt, was viele tausende Mütter und Frauen im Moment tragen.
    Und wie wichtig es ist, nicht damit allein zu bleiben!!!
    VIELEN LIEBEN DANK DIR!!!!

    Antworten
    • Jutta

      Liebe Rahel,
      der Beitrag ist wirklich wertvoll und gehaltvoll. Man merkt du hast es selbst durchlebt.
      Mach weiter so.
      Liebe Grüsse von Jutta

      Antworten
  2. Ulrich Spandau

    Danke❗️ Das BESTE, das ich seit langem gelesen habe❗️ Bringt es total auf den Punkt und ist verständlich, hilfreich und ermutigend geschrieben❗️

    Antworten
    • anmutig & frei

      Lieber Uli, danke, du bist ein Ermutiger und Förderer. Du hast mit deinen väterlichen Coachings und deiner Ausbildung in mein Leben gesät, ohne dich würde ich heute nicht an diesem Ort stehen. Ich ehre dich von Herzen. Deine Rahel

      Antworten

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