Darf ich bitten?

von | 4. September 2020 | dein Herz & Gott |

Ich liebe Filme, in denen getanzt wird. Ich feiere diese romantischen Momente, in denen das Paar sich vertrauensvoll die Hände reicht, sich in die Augen schaut und dann Zeit und Raum über Tanz und Musik vergisst. Ich würde gern tanzen können. Diesen Wunsch hatte ich schon als Kind:

Knisternd dreht sich die Schallplatte auf dem Plattenspieler. Eine Walzermelodie tönt durch unser Wohnzimmer. Ich bin ungefähr 9 Jahre alt und schaue mit leuchtenden Augen meiner Oma und meiner älteren Schwester beim Tanzen zu. Meine Oma gibt die letzten Ratschläge für den Tanzstundenabschlussball meiner Schwester. Immer wieder sind ihnen die eigenen Füße im Weg, aber wir lachen gemeinsam darüber.

Ich erinnere mich gern an diesen Augenblick. So unbeschwert, mein Kopf voller Träume. Musik schenkte Leichtigkeit und in meinen Gedanken wurde ich selbst zur anmutigen Tänzerin. Als ich 5 1/2  Jahre später selbst die Möglichkeit erhielt, Tanzstunden zu nehmen, war von der Leichtigkeit nichts mehr zu spüren. Ich habe direkt nach der ersten Stunde aufgegeben. Ich steckte in der Pubertät und war furchtbar schüchtern. Die Vorstellung, von einem Jungen im Arm gehalten zu werden und mit ihm zu tanzen, trieb mir die Schamesröte ins Gesicht. Ich war nicht einmal in der Lage, meinen Tanzpartner anzuschauen. Er kämpfte mit nassgeschwitzten Händen und wir traten uns gegenseitig immer wieder auf die Füße. Mir war das alles ganz furchtbar peinlich. Also gab ich auf. Von wegen Anmut, ich zog mich zurück. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich fühlte die harte Landung in meiner Realität. Ich war nicht Aschenputtel, selbst das schönste Kleid der Welt würde mir nicht zur Anmut verhelfen. Ich war auch keine Eiskunstlaufprinzessin. Diese Bilder gab es nur in meinem Kopf. In Wirklichkeit fühlte ich mich wertlos, unsportlich. Das Mädchen, das beim Zusammenstellen eines Teams zu den letzten gehörte, die ausgewählt werden – ja, das war ich. Gefühlt war ich – wenn überhaupt – die zweite Wahl.

Ich habe mich oft gefragt, warum mich bestimmte Tanzszenen im Film so bewegen. Oft waren mir meine Tränen oder mein tiefes Mitempfinden peinlich.

In ihren Büchern legen John & Stacy Eldredge auf Filme ein besonderes Augenmerk. Hinter meinen Emotionen, die ich bei bestimmten Filmszenen empfinde, verbirgt sich oft eine tiefere Sehnsucht meines Herzens. Ich wurde ermutigt genauer hinzuschauen um herauszufinden, was sich mein Herz im Kern wünscht. Oft kamen mir beim Lesen die Tränen, ich war bewegt von Stacys sehr persönlichen, biographischen Einblicken. So wie Stacy hatte ich Jesus noch nie erlebt. Aber ich fühlte mich nicht wichtig. Warum sollte sich Gott um mich bemühen, wenn es doch im Vergleich zu mir viel wichtigere Lebensgeschichten gab? Dennoch wünschte ich mir so, dass Jesus mir begegnet! Sehnte ich mich etwa danach, umworben zu werden? Wie sich das wohl anfühlte, wenn Jesus zu mir käme, um mein Herz zu erobern? Das konnte ich mir nicht vorstellen.

Im Oktober 2018 – an diesem ersten Abend des anmutig & frei Camps – sitze ich – mit anderen Frauen zusammen – leer und abgekämpft im Saal. Ich hoffe so sehr, dass Jesus mir neu begegnet. Gespannt höre ich der Rednerin zu. Es geht um unser Herz und später auch um die Sehnsucht „Umworben zu werden“. Um zu verstehen, wie Jesus dieser Sehnsucht begegnen will, wird ein Filmclip gezeigt. Ein Mann fordert seine Frau zum Tanzen auf. Wie dieser Mann auf seine Frau zugeht, so dürfen wir uns vorstellen, dass Jesus um unser Herz wirbt. Und während ich zuschaue, hört mein Herz ein inneres Flüstern:

„Christel, das ist für dich! Ich komme zu dir!“

Für mich gibt es in diesem Moment weder Zeit noch Raum. „Ist das überhaupt möglich?“, fragt mein Kopf. Mein Herz aber fühlt sich so umworben, gesehen und geliebt, wie noch nie zuvor. Für Jesus bin ich die erste Wahl. Er will mit mir tanzen! Und ich bin ganz perplex, weil ich doch gar nicht tanzen kann. Ich spüre seinen liebevollen Blick und seine Zusage:
„Ich bringe es dir bei!“

All die Jahre, die ich schon Seite an Seite mit ihm verbrachte, waren getrübt durch einen Schleier des Zweifelns, ob Jesus mich wirklich liebt. Ich habe es nicht gewagt, zu ihm aufzuschauen, fühlte mich nicht gut genug. Und jetzt steht er geduldig vor mir, hebt diesen Schleier und ich sehe nur seine Liebe und Annahme. Ich sage wieder neu ja, reiche ihm meine Hand und er beginnt mit mir zu tanzen. Er sieht mich und ich fühle mich absolut geliebt.

Sehnst du dich auch nach einer solchen Begegnung mit Jesus? Du brauchst dich nicht zu schämen, wenn du dich danach sehnst, umworben zu werden. Ich kenne deine Geschichte nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es Punkte gibt, die es dir schwer machen, Jesu Liebe zu dir zu erkennen. Ich ermutige dich, dran zu bleiben. Jesus kennt deine Geschichte, deine wunden Punkte, er sieht deine Sehnsucht und er möchte dir ganz persönlich begegnen, wie ein Gentleman.

„Jesus, du siehst die Frau in mir, die sich so sehr wünscht gesehen, umworben und geliebt zu werden. Ich habe Angst, dass ich es nicht wert sein könnte. Bitte öffne mir die Augen, komm du zu mir und zeige mir, dass du mich liebst!“

Amen.

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