anmutig & frei - Titelbild, alternative Version

von Evelyn*)

Ich liebe den Herbst wie keine andere Jahreszeit. Es passiert so viel in der Natur, die Erntezeit lässt mich dankbar den Segen Gottes feiern, Farben wechseln und Zugvögel kann ich in Scharen beobachten. Und doch spiegelt keine andere Zeit so gut die traurige Stimmung wider, die ich derzeit empfinde. Es ist gerade so viel im Umbruch, der Wind in der Partnerschaft ist rauh und die Atmosphäre kühl.

Dabei ist das alles nichts Neues; meine Ehe fühlt sich ja schon seit langem an wie ein untergehendes Schiff.

Wie konnte es eigentlich so weit kommen? Es hatte doch so gut begonnen… ich ringe darum, unsere Krise aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen zu können und merke dabei, dass gerade das mir am schwersten fällt, wenn ich mich emotional schon auf dünnem Eis bewege.

In diesem Jahr hat sich die Lage durch mehrere Faktoren noch einmal zugespitzt. Es geht uns nicht gut, wir können kaum miteinander reden, der Alltag ist von Rückzug geprägt. Ich fühle mich tief verletzt, abgelehnt, ungeliebt. Und in mir kommen eine Menge Fragen auf:

Was soll ich tun? Was kann ich überhaupt tun? Was ist richtig?

Und was davon will ich eigentlich?

Was sagt Gott dazu? Wie kann ich diesen furchtbaren Schmerz aushalten, ungeliebt in einer christlichen Ehe gefangen zu sein? Und was außer dem Schmerz ist von dieser letzten Aussage wirklich wahr?

Ich hab mir Hilfe gesucht, um meine Gedanken in einem Coachingprozess zu ordnen und verschiedenen Anteilen in mir eine Stimme zu geben. Offen aussprechen zu dürfen, wie ich mich fühle, Ressourcen stärken, reflektieren, Verletzungen zuordnen und bearbeiten mit einer neutralen Person, ausreichend von meinem Umfeld entfernt um Distanz zu wahren. Das war seit langem der erste Lichtblick in dieser dunklen Zeit. Mir war klar geworden, dass ich Verantwortung für meine Probleme übernehmen muss, wenn ich möchte, dass sich in unserer Partnerschaft was bewegt.

Außerdem trete ich sehr dafür ein, dass auch mein Mann sich Hilfe sucht.

Zu einer Beziehung gehören nun mal zwei, folglich kann einer alleine das Schiff nicht retten. John Eldredge schreibt dazu: „Es ist nicht liebevoll, wenn Sie über die Sünden, die Zerbrochenheit oder die Unreife Ihres Ehepartners hinwegsehen. Es ist nicht liebevoll, wenn Sie zulassen, dass etwas, das falsch ist, immer so weitergeht.“ (Das wilde Herz der Ehe, Seite 197)

Was aber, wenn Veränderung auf sich warten lässt? Konflikte vorerst ungelöst bleiben und statt Besserung eher eine Verschärfung der Umstände eintritt?

Was, wenn mittlerweile die Verletzungen so tief sind, dass es nicht mit ein paar Therapiesitzungen einzurenken geht? Woher nehme ich dann noch Hoffnung? Ist ein geordneter Rückzug dann nicht angebrachter, als wider alle Vernunft zu bleiben?

Vor ein paar Monaten überflog ich eine christliche Zeitschrift und war schon halb auf dem Weg zum Papierkorb, als mein Blick an einem einzigen Satz hängenblieb. Es war Osterzeit, und der Artikel zitierte in Kurzform Philipper 3,10: „Ich möchte Jesus erkennen und die Kraft seiner Auferstehung.“ Dort stand:

„Stellen Sie sich einmal vor, was passieren könnte, wenn nach jahrelanger Kälte in Beziehungen auf einmal Liebe um sich greifen würde! So stark, dass Hass keine Wurzeln mehr schlagen kann. Das ist Auferstehungskraft.“

Dieser Satz hat bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. In meiner Ehe? Bei unserer Geschichte? Kaum vorstellbar. Und doch rührt der Gedanke meine tiefste Sehnsucht an, weckt sie auf, und mit ihr den Schmerz der Realität.

Ja, was wäre, wenn?

Wie soll es denn sein, wenn es gut ist? Wohin führt mich meine Sehnsucht, was ist meine Vision? Wofür lohnt es sich zu kämpfen?

Ich habe an diesem Tag meine kühnsten Gedanken, was werden könnte, wenn Gottes Kraft wirkt, aufgeschrieben. Diesen Zettel nehme ich immer mal wieder zur Hand, wenn die Verzweiflung zu laut wird. Es liest sich angesichts der Tatsachen wie ein Märchenbuch. Und doch werde ich den Eindruck nicht los, dass Jesus, mit dem ich unterwegs bin, mit diesem kleinen Satz bewusst ein Senfkorn an Hoffnung in mein Herz gesät hat.

Wenn Jesus Tote auferwecken kann, dann kann er auch in meiner Ehe das Unmögliche tun! Dann will ich da sein, wenn es geschieht! Auch wenn ich nicht weiß, wie er das anstellen will.

Die Zeiten mit Jesus sind mir die kostbarsten am Tag. So umkämpft, so wertvoll und nie gleich. Manchmal kann ich ihm nur still meinen Schmerz hinhalten.  

Wie tröstlich war vor ein paar Wochen die Karte einer Freundin: „Gott sieht dein Herz“. Er ist der Liebhaber meiner Seele, ihm liegt an mir! Er kennt meine Liebessprache und spricht sie, wenn er mein Herz erreichen möchte.  

Die Schönheit seiner Schöpfung ist etwas, was von klein auf mein Herz berührt. Mich dem auszusetzen, was Gott geschaffen hat, kann so unglaublich tröstend sein! Mit offenen Augen und offenem Herzen erspüre ich seine liebevoll angelegten Details in der Natur und entdecke kleine Überraschungen, von Jesus persönlich arrangiert für mich.
Die Farbenspiele in der Abenddämmerung zum Beispiel: unscheinbare wollige Samenstände von kratzigen Disteln hat er – als ich gerade vorbeiging- mit einem Strahl der tiefstehenden Sonne im Gegenlicht plötzlich aufleuchten lassen, als hätte jemand eine Lichterkette am Feldrand angeknipst… so, dass mir der Atem stockte. Minuten später war das Schauspiel vorüber und Dunkelheit breitete sich aus, als wenn nichts gewesen wäre.

Er flüstert im Wind, der durch die Bäume streicht, zeigt mir herzförmige Wolken und Schottersteine, und freut sich, wenn ich sie entdecke…

Manchmal ist es ein Lied, das mich anrührt; weil die Worte mir aus der Seele sprechen, oder auch nur weil die Melodie mein Herz hüpfen lässt. Bei Musik kann ich auch weinen, denn dieses Ventil der Seele finde ich im Alltag oft nicht. Bei Autofahrten höre ich gern Musik und komme darüber ins Gebet. Oft bete ich dabei laut, rufe den Namen Gottes an und trete fürbittend ein für Menschen, die mir am Herzen liegen. Auch für meinen Mann bete ich in dieser Weise.

Es ist mir wichtig, Räume für Gebet zu schaffen besonders, wenn mein Terminkalender voll ist. Auch ohne ein eigenes Zimmer kann ich Zeiten nutzen, in denen ich alleine und ungestört bin. Hier gilt es einen Krieg zu führen. Für mich bedeutet es oft, um diese Zeiten zu kämpfen, das möchte ich nicht unterschätzen! Allein der Entschluss, diese Zeilen zu schreiben, hat in mir einen Sturm entfesselt. Von Selbstanklagen über lähmende Traurigkeit war alles dabei. „Du hast doch gar keine Hoffnung!“ schrie es in meinem Herzen. Merkst du auch, woher diese Stimme kommt und auf welcher Ebene hier gekämpft wird?

In gleicher Weise setze ich mich dem Wort Gottes aus, lese Geschichten, die von Gottes Macht erzählen, führe Tagebuch über Verse, die mir zugesprochen werden.

Dem kinderlosen Greis Abraham zeigt Gott des Nachts den Sternenhimmel. „Kannst du sie zählen?“ -sehr witzig, Gott. Nein, Gott scherzt hier ganz und gar nicht, wenn er Abraham und Sara Nachkommen verspricht, so zahlreich, wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer! Die alte Frau bekommt unfassbarerweise tatsächlich noch ein Baby, von dem später ein ganzes Volk abstammt. Wider die Natur und alles bessere Wissen.

Petrus hatte sich die Nacht um die Ohren geschlagen und dem See nicht mal ein Frühstück entlocken können, als Jesus ihn auffordert, bei helllichtem Tag noch einmal die Netze auszuwerfen. Wider alle Vernunft, nur weil er es sagt. „Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen!“ die Erfahrungen eines ganzen Fischerlebens sprechen,

ach, brüllen dagegen an. Aber es lohnt sich, Jesus zu vertrauen, das erlebt Petrus.

Maria ist ein junges Mädchen, behütet und ohne heldenhaften Erfahrungshorizont, als der Engel ihr die kühnste Idee Gottes ins Herz spricht, die je verkündet wurde. Etwas Atemberaubendes, nie Dagewesenes, von keinem Menschen je Ausgedachtes soll an ihr vollzogen werden, als Teil des kriegerischen Schlachtplans Gottes, um die Menschheit zu retten. Ihre Aussichten dabei: missverstanden werden, ihre Verlobung riskieren, innere Zerrissenheit, von den Behörden gejagt…von Familienplanung ganz zu schweigen. Und Maria steigt ein. Ruhiges Leben, ade…

Diese Beispiele ermutigen mich.

Was wäre, wenn ich nicht gehe?

Ich empfinde, dass der Feind ein besonderes Interesse daran haben muss, Ehen zu zerstören. Bei uns jedenfalls setzt er mit perfider Präzision genau an den Schwachstellen und Verletzungen an, die wir schon mitbrachten, als wir das Eheversprechen eingingen. Trotzdem glaube ich, dass Ehe ein Bild für die ewige Liebesgeschichte Gottes zu dieser Welt ist. Und nur er ist die Liebe, nach der wir uns so verzweifelt sehnen.

In seinem Buch „ Ganz leise wirbst du um mein Herz“ schreibt John Eldredge: „Wir laufen unser Rennen, wir ziehen unsere Straße, um es mit dem Hebräerbrief zu sagen, vor einer großen Wolke von Zeugen (12,1). Wenn wir vor der Entscheidung stehen, zurückzufallen oder weiterzumarschieren, hält das ganze Universum den Atem an – Engel, Dämonen unsere Freunde und Feinde und die Dreieinigkeit selbst – sie alle warten voller Spannung, was wir tun werden. Wir stehen immer noch im Drama des dritten Aktes, und das Herz Gottes ist immer noch in der Prüfung…(…) Wird irgendjemand dem großen Herzen des Vaters vertrauen oder werden wir in treuloser Furcht zurückweichen?“

Meine Entscheidung hat nicht nur Auswirkungen auf meine kleine Familie, auch wenn der Feind mich genau das glauben lassen will. Nein, hier geht es um Gottes große Geschichte, und ich bin Teil davon, mehr als ich vielleicht ahne. Und ich glaube, der Feind fürchtet es, wenn Mann und Frau „Rücken an Rücken und mit gezücktem Schwert“ stehen – eine Autorität im Namen Gottes! Was könnte geschehen, wenn das bei mir Wirklichkeit würde? Dass meine Ehe davon gerade gefühlte Äquatorlängen entfernt ist, hindert mich nicht, die Hoffnung darauf festzuhalten.

Zwischen Selbstschutz und Abgrenzung den Partner zu etwas Besserem einzuladen und (fair!) herauszufordern, ist eine ungeheure Aufgabe, die ich nur mit Rückhalt angehen kann. Ich brauche Freunde, Verbündete, Vertraute,

die für mich im Gebet einstehen und mal eine Meile mit mir gehen. Falls es Dir ähnlich geht, lade ich Dich ein, Dich zu fragen: wer könnte das für dich sein?

Auf einem meiner letzten Spaziergänge habe ich Jesus wieder mal mein Herz ausgeschüttet. Resigniert dachte ich: Rede DU wenigstens mit mir. Jesus antwortete ohne Zögern. „Vergiss nicht, wer der wahre Feind ist.“

Das hat mich recht schnell wieder aus meinem Selbstmitleid geholt. Er kann nicht nur trösten, er rückt mir auch den Blick für die Wahrheit gerne wieder zurecht. Nicht mein Ehepartner ist der Feind, sondern der Gegenspieler Gottes ist es, der es meisterhaft versteht, uns gegeneinander auszuspielen.

Ja, es ist immer noch Herbst. Der Sommer war heiß und trocken, die Wiesen braun und verdorrt, aber die Regenfälle im September haben das Grün zurückgebracht. Auf dem sonst staubigen Feldweg breitet sich ein frischer, junger Teppich aus Gras aus; schwellende Moospolster erinnern eher an Mai als an Ende Oktober. Ich beuge mich hinab, streiche über den weichen grünen Teppich und murmele halblaut: „Du riskierst eine Menge. Weißt du nicht, dass der Winter kommt?“

„Doch,“ flüstert das Gras, „aber ich kann nicht anders.“

Halte mich für verzweifelt oder für verrückt, dass ich mit dem Gras rede, aber die Sprache der Symbole ist nun einmal etwas, das mich besonders anrührt.

Wenn der Regen kommt, muss Neues wachsen! Wenn der Geist Gottes meine Seele erfrischt, wächst Hoffnung wider alle Erfahrung und Vernunft und auch gegen wohlgemeinte Ratschläge.

Neulich habe ich in meiner Zeit mit Jesus eine Lerche singen gehört. Wir haben immer noch Ende Oktober, die Zugvögel sind bereits fort. Ich saß in meinem Zimmer und hatte die Augen geschlossen als sie sang. Die Lerche ist für mich der Inbegriff von Frühling, und ich liebe ihren Gesang; um so irritierender fand ich, sie jetzt so unpassend in meinem Herzen zu hören. Ich habe Jesus gefragt. Er sagte: „Sie singt dem Neuen entgegen, das ich schaffen werde. Geistliche Jahreszeiten sind anders als weltliche. Sie spürt den Frühling, das Aufblühen, bevor es zu sehen ist; unzweifelhaft, gewiss, dass Gutes kommen wird.“

Wie redet Jesus zu Deinem Herzen?

Ich weiß nicht, wohin mich diese Reise führt, und ob ich in einem Jahr noch Hoffnung habe. Ich ahne, dass viele Frauen wie ich innerlich auf gepackten Koffern sitzen und auf den großen Knall warten, weil sie sich dem Kampf um ihre Ehe nicht gewachsen fühlen, erschöpft sind, sich verraten und ungeliebt fühlen und keinen anderen Ausweg sehen. Und für euch schreibe ich diese Zeilen. Ich kann mich zur Zeit nur jeden Tag neu für die Hoffnung entscheiden, mehr sehe ich noch nicht.

Aber ich weiß, dass Gott meinen Schmerz und meinen Kampf sieht.

Er ist der Gott der Hoffnung.

Rö.15,13: Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, damit ihr überreich seiet in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes!

*)Name geändert, die Autorin ist anmutig & frei bekannt

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Das wilde Herz der Ehe - - Buchempfehlung aus Zwischen Hoffnung & Schmerz - Ehekrise

John & Stacy Eldredge:
„Das wilde Herz der Ehe“

(Gerth Medien 2010)

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Ganz leise wirbst du um mein Herz - Buchempfehlung aus Zwischen Hoffnung & Schmerz - Ehekrise

John Eldrege:

„Ganz leise wirbst du um mein Herz“

(Brunnen Verlag 2018)

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